Wie Beifuß mich lehrte, den Pflanzenwesen zuzuhören
Wenn ich Pflanzen für eine Destillation ernten möchte, warte ich, bis sie mich rufen. Es ist kein rationaler Plan, sondern ein innerer Impuls – ein feines Spüren, das mir sagt: Jetzt ist es soweit.
Eines Abends im Juli war es Artemisia vulgaris, der Beifuß, der sich bemerkbar machte. Das Wetter war mild, ihre Blüten noch nicht geöffnet und verströmten ein wunderbares Aroma, wie die Duft- und Geschmacksprobe bestätigte. Ich begann zu ernten, streifte Blätter und Blüten von den Stängeln. Am nächsten Tag wanderte die vorbereitete Pflanze in die Destille. Das Wasser begann zu kochen, bald fiel der erste Tropfen – alles schien perfekt. Ich dachte: Wunderbar, das läuft. Dann kann ich mich nebenbei noch anderen Dingen widmen.
Doch dann kam alles anders.
Fehler passierten – solche, die mir seit Jahren nicht mehr unterlaufen waren. Am Ende stand fest: Ich musste nochmal Beifuß ernten, um den Verlust auszugleichen.
Also ging ich zu meiner riesigen Beifußpflanze im Garten. Kaum hatte ich die Schere angesetzt, begann es zu regnen. Hmpf, also keine Ernte.
Aber da war etwas. Ich hörte sie sprechen. Es ist natürlich keine laute Unterhaltung, eher wie ein innerer Dialog, Worte, die plötztlich da sind. Kennst Du das auch?
„Du hast mich noch nicht verstanden. Du warst mit anderen Dingen beschäftigt. So erfährst du nichts über mich – und nichts über meine Wirkung.“
Pflanzenwesen können offensichtlich sehr deutlich werden, wenn wir ihnen nicht mit der nötigen Demut begegnen.
So stand ich nun im Regen – lauschend.
Ich begann zu überlegen, wo Beifuß sich am liebsten selber säht: auf kargen, oft trostlosen Plätzen, an denen sonst kaum etwas gedeiht. Niemand hat ihn dort gesät – und doch ist er da. Es sind Orte, denen etwas fehlt: Schönheit, Lebendigkeit, Seele.
Beifuß schenkt diesen Orten genau das. Er bewahrt sie, schützt sie – gibt ihnen Kraft, vielleicht sogar neues Leben.
Der Regen ließ nach, und als Zeichen meines Dankes wollte ich einen selbst gemachten Räucherkegel anzünden. Doch nun war es windig – die Flamme flackerte, tanzte – ich verbrannte mir die Finger. Feuer.
Der Kegel begann endlich zu glühen. Ich stellte ihn auf den großen Stein vor dem sie wächst. Erde.
Der Wind nährte die Glut – bis wieder Regen einsetzte. Wasser.
Da begriff ich:
Du trägst alle Elemente in Dir.
Du verbindest Himmel und Erde.
Im Elementarkreis stehst du für den Äther, nicht wahr?
Beifuß – eine große Magierin. Mächtig, kraftvoll, tief verbunden.
Danke, Artemisia, für dein Wesen – und für das wunderbar duftende Hydrolat, das du mir geschenkt hast.
Sie wird einen festen Platz im Elementarkreis haben.
In der Sonne glänzen grün und silbrig Deine Blätter,
wie kleine Flämmchen, erinnern uns an Sommerwetter.
Stark bist Du und sehr robust, lässt Dich nicht pflücken,
nur mit einem scharfen Messer kann man Dir zu Leibe rücken.
Unsere Urkraft schenkst Du uns, magisch und seit langem bekannt,
die ganze Welt ist mit Deinem Zauber umspannt.
Allumfassend und durchdringend beschützt Du Mensch und Tier,
deine Wärme tut dem Bauch so gut, ich danke Dir.
In der Frauenheilkunde bist Du schon immer hoch geschätzt,
aber Achtung, wie man Dich eingesetzt.
Denn ganz am Anfang kannst Du Leben spenden,
doch hast auch die Kraft es zu beenden.
Gänzlich ungefährlich trägt man Dich als Gürtel auf der Hüfte
und atmet Deine würzig Düfte.
Dann wird dein Zauber uns zum Ursprung führen,
uns beschützen und tief berühren. (2024 Tanja Voß)
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2 Kommentare
Wundervoll, danke Tanja für deine wieder einmal tolle Inspiration 💚
Liebe Grüße Ute
Was für eine inspirierende Geschichte,
Deine Erlebnisse haben mir geholfen, den Beifuß jetzt richtig zu verstehen, ich habe nicht richtig zugehört ✨🪄