Rosmarin und der Blutdruck - erhöht er ihn wirklich?
„Rosmarin erhöht den Blutdruck.“
Diesen Satz liest man immer wieder. Er findet sich in Pflanzenbüchern, in der Aromatherapie und auf unzähligen Internetseiten. Menschen mit niedrigem Blutdruck wird Rosmarin empfohlen, während Menschen mit Bluthochdruck teilweise sogar vor ihm gewarnt werden.
Doch stimmt das wirklich?
Ich wollte es genauer wissen und habe mir die Studien zu Rosmarin und seiner Wirkung auf den Blutdruck angesehen. Dabei zeigt sich ein wesentlich differenzierteres – und für mich viel interessanteres – Bild.
Denn offenbar müssen wir zunächst eine ganz andere Frage stellen:
Von welchem Rosmarin sprechen wir eigentlich?
Rosmarin ist nicht gleich Rosmarin
Wenn wir eine Pflanze als Tee aufgießen, ein ätherisches Öl verwenden oder ein Hydrolat destillieren, erhalten wir vollkommen unterschiedliche Zubereitungen.
Und damit auch unterschiedliche Inhaltsstoffe.
Das ist wichtig, denn häufig werden Erkenntnisse über das ätherische Öl einfach auf die gesamte Pflanze übertragen.
Gerade beim Rosmarin scheint das nicht sinnvoll zu sein.
Ätherisches Rosmarinöl kann den Blutdruck erhöhen
Für das ätherische Öl gibt es tatsächlich Hinweise auf eine blutdrucksteigernde Wirkung.
In einer klinischen Untersuchung wurden 32 Menschen mit niedrigem Blutdruck über einen längeren Zeitraum begleitet. Unter der Anwendung von ätherischem Rosmarinöl stiegen sowohl der systolische als auch der diastolische Blutdruck klinisch relevant an. Gleichzeitig verbesserte sich die von den Teilnehmern angegebene Lebensqualität.¹
Die bekannte Empfehlung, Rosmarin bei niedrigem Blutdruck und Kreislaufschwäche einzusetzen, ist also nicht einfach aus der Luft gegriffen. Zumindest für das ätherische Rosmarinöl gibt es dafür wissenschaftliche Hinweise.
Doch daraus entstand möglicherweise eine Verallgemeinerung:
Ätherisches Rosmarinöl kann den Blutdruck erhöhen – also erhöht Rosmarin den Blutdruck.
Genau hier wird es problematisch.
Campher gehört zu den charakteristischen und stärker zentral stimulierenden Bestandteilen des ätherischen Rosmarinöls. Sein Anteil kann je nach Herkunft und Chemotyp erheblich schwanken.²
Er könnte gemeinsam mit anderen flüchtigen Komponenten an der traditionell beschriebenen anregenden Wirkung des ätherischen Rosmarinöls beteiligt sein.
Allerdings ist eine zentral stimulierende Wirkung nicht automatisch dasselbe wie eine direkte gefäßverengende oder blutdrucksteigernde Wirkung. Es wäre deshalb zu einfach, die Blutdruckwirkung des ätherischen Rosmarinöls allein dem Campher zuzuschreiben.
Rosmarintee zeigt die entgegengesetzte Wirkung
2025 erschien eine klinische Untersuchung, in der Menschen mit leicht erhöhtem Blutdruck täglich einen Rosmarinaufguss tranken.
Dafür wurden 2 g pulverisierte Rosmarinblätter mit 100 ml kochendem Wasser aufgegossen. Die Teilnehmer tranken diesen Aufguss 45 Tage lang.
Das Ergebnis war bemerkenswert:
Bei den Menschen mit Bluthochdruck sank der Blutdruck.
Der über 24 Stunden gemessene systolische Blutdruck verringerte sich im Mittel um etwa 6 mmHg. Auch beim diastolischen Blutdruck wurden signifikante Veränderungen festgestellt.
Besonders interessant ist aber noch etwas anderes:
Bei den Studienteilnehmern mit normalem Blutdruck führte der Rosmarinaufguss nicht zu einer signifikanten Blutdrucksenkung.³
Das bedeutet nicht, dass Rosmarin nun als Mittel gegen Bluthochdruck betrachtet werden sollte. Dafür ist die klinische Datenlage noch viel zu klein.
Es zeigt aber sehr deutlich:
Die Aussage „Rosmarin erhöht den Blutdruck“ lässt sich so nicht aufrechterhalten.
Die Wirkung eines Rosmarinaufgusses bei leichter Hypertonie wird inzwischen auch in einer randomisierten, placebokontrollierten Studie weiter untersucht.⁴
Wie kann dieselbe Pflanze einmal erhöhen und einmal senken?
Hier kommt die Pflanzenchemie ins Spiel.
Ein Rosmarintee enthält unter anderem Rosmarinsäure und zahlreiche weitere phenolische Pflanzenstoffe.
Ätherisches Rosmarinöl besteht dagegen aus flüchtigen Substanzen wie 1,8-Cineol, Campher, α-Pinen und Borneol.
Wir haben also zwar dieselbe Pflanze vor uns – aber keineswegs dieselbe Arznei.
Und dann gibt es noch eine dritte Zubereitung, mit der ich mich als Wasserbrennerin besonders beschäftige:
das Rosmarinhydrolat.
Und was geschieht beim Wasserbrennen?
Bei der Destillation entstehen ätherisches Öl und Hydrolat.
Ein Hydrolat ist aber nicht einfach Wasser mit ein bisschen ätherischem Öl darin.
Während der Destillation gehen bestimmte flüchtige Pflanzenstoffe besonders gut ins Wasser über. Andere bevorzugen die Ölphase. Wieder andere Stoffe sind überhaupt nicht wasserdampfflüchtig und bleiben in der Destille zurück.
Das Ergebnis ist eine ganz eigene Zubereitung der Pflanze.
Chemische Untersuchungen von Rosmarinhydrolaten zeigen vor allem sauerstoffhaltige Monoterpene wie 1,8-Cineol, Campher, Borneol, Verbenon und α-Terpineol. Ihre Mengenverhältnisse können sich erheblich von denen des gleichzeitig gewonnenen ätherischen Öls unterscheiden.⁵ ⁶
Die Rosmarinsäure dagegen ist nicht wasserdampfflüchtig. Sie gehört deshalb nicht zu den charakteristischen Inhaltsstoffen eines destillierten Rosmarinhydrolats.
Die Wirkung des Rosmarintees lässt sich also ebenso wenig auf das Hydrolat übertragen wie die Wirkung des ätherischen Öls.
Borneol – ein spannender Bestandteil des Rosmarinhydrolats
Bei der Destillation verteilt es sich nicht gleichmäßig zwischen ätherischem Öl und Hydrolat. Aufgrund seiner vergleichsweise guten Wasserlöslichkeit kann es im Hydrolat relativ stark vertreten sein.
Eine Untersuchung, in der ätherisches Rosmarinöl und das gleichzeitig entstandene Hydrolat direkt miteinander verglichen wurden, zeigt das eindrucksvoll:
Im ätherischen Öl machte Borneol 5,0 % der analysierten flüchtigen Bestandteile aus, im Hydrolat dagegen 20,4 %.⁶
Das bedeutet nicht, dass im Hydrolat absolut mehr Borneol enthalten ist – das Hydrolat enthält insgesamt sehr viel geringere Mengen flüchtiger Substanzen. Es zeigt aber, wie stark sich das Verhältnis der Inhaltsstoffe durch die Destillation verschiebt.
Und Borneol ist für unsere Blutdruckfrage besonders interessant.
In Untersuchungen an isolierten Blutgefäßen führte (-)-Borneol zu einer konzentrationsabhängigen Entspannung der Gefäße. An diesem vasorelaxierenden Effekt waren sowohl das Gefäßendothel und die Freisetzung von Stickstoffmonoxid als auch eine direkte Wirkung auf die glatte Gefäßmuskulatur beteiligt. Unter anderem scheinen ATP-sensitive Kaliumkanäle eine Rolle zu spielen.⁷
Damit enthält das Rosmarinhydrolat einen Stoff, für den experimentell eine gefäßerweiternde Wirkung nachgewiesen wurde.
Ob die im Hydrolat enthaltene Menge ausreicht, um beim Menschen den Blutdruck messbar zu beeinflussen, wissen wir allerdings nicht.
Auch 1,8-Cineol als ein weiterer wichtiger Bestandteil vieler Rosmarinhydrolate ist spannend.
Auch dieser Stoff passt nicht recht zur Vorstellung eines ausschließlich blutdrucksteigernden Rosmarins.
In einem experimentellen Hypertoniemodell konnte 1,8-Cineol den Blutdruck senken und gleichzeitig die Funktion der Gefäßinnenwand verbessern. Es erhöhte unter anderem die Verfügbarkeit von Stickstoffmonoxid – einem wichtigen Signalstoff für die Erweiterung der Blutgefäße – und reduzierte oxidativen Stress und Entzündungsprozesse.⁸
Das ist kein klinischer Beleg für eine blutdrucksenkende Wirkung beim Menschen.
Es zeigt aber, dass auch die flüchtigen Bestandteile des Rosmarins nicht zwangsläufig blutdrucksteigernd wirken.
Was wissen wir über Rosmarinhydrolat und Blutdruck?
Hier müssen wir wissenschaftlich sauber bleiben.
Mir ist derzeit keine klinische Studie bekannt, in der die Wirkung von Rosmarinhydrolat auf den menschlichen Blutdruck systematisch untersucht wurde.
Wir wissen also nicht, ob es den Blutdruck erhöht, senkt oder bei üblichen Mengen überhaupt messbar verändert.
Was wir wissen: Mit Borneol und 1,8-Cineol enthält das Hydrolat Stoffe, für die experimentell vasorelaxierende beziehungsweise antihypertensive Wirkungen beschrieben wurden.
Eine blutdrucksteigernde Wirkung des Rosmarinhydrolats beim Menschen ist dagegen bislang nicht belegt.
Vielleicht haben wir Rosmarin zu einfach betrachtet
Traditionell wird Rosmarin gerne als Kreislaufpflanze beschrieben. Daraus wurde irgendwann fast selbstverständlich eine „blutdrucksteigernde Pflanze“.
Vielleicht ist das zu einfach gedacht.
Denn Pflanzen sind viel mehr als die Summe ihrer Inhaltsstoffe.
Beim Rosmarin sehen wir sehr schön, wie unterschiedlich seine Zubereitungen wirken können:
Ätherisches Rosmarinöl hat in einer Humanstudie bei Menschen mit niedrigem Blutdruck den Blutdruck erhöht.¹
Rosmarintee hat in einer Humanstudie bei Menschen mit leichtem Bluthochdruck den Blutdruck gesenkt, während sich bei Menschen mit normalem Blutdruck keine signifikante Senkung zeigte.³
Rosmarinhydrolat besitzt wiederum ein eigenes Wirkstoffprofil. Seine Wirkung auf den menschlichen Blutdruck wurde bislang nicht klinisch untersucht.
Das lässt eine interessante Möglichkeit offen:
Vielleicht ist Rosmarin weniger ein einfacher „Blutdrucksteigerer“, als vielmehr eine Pflanze, deren Wirkung stark davon abhängt, wie wir sie zubereiten, welche Inhaltsstoffe wir dadurch gewinnen und in welcher Ausgangslage sich der Mensch befindet, in welcher Verbindung er zu der Pflanze steht.
Ob man deshalb bereits von einer „regulierenden“ Wirkung sprechen kann?
Dafür reicht die wissenschaftliche Datenlage noch nicht.
Aber es wäre eine spannende Forschungsfrage.
Und genau darin liegt für mich auch der Wert, Pflanzen nicht nur nach überlieferten Schlagworten zu betrachten, sondern genauer hinzusehen.
Denn manchmal erzählt uns eine Pflanze eine wesentlich vielschichtigere Geschichte.
Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist dass mein Rosmarinhydrolat (Primärhydrolat) äußerst lecker schmeckt und duftet. Ein paar Tropfen in einem Glas Wasser genügen bereits um ein feines klares, würziges Getränk zu zaubern und über fertige Speisen gesprüht verschafft es ein mediterranes, multisensorisches Geschmackserlebnis. Hier kannst Du es bekommen Link.
### Quellen
1. Fernández LF et al. *Effectiveness of Rosmarinus officinalis essential oil as antihypotensive agent in primary hypotensive patients and its influence on health-related quality of life.* Journal of Ethnopharmacology. 2014;151(1):509–516. DOI: 10.1016/j.jep.2013.11.006.
2. Satyal P et al. *Chemotypic Characterization and Biological Activity of Rosmarinus officinalis.* Foods. 2017.
3. *The effect of Rosmarinus officinalis L infusion supplementation on blood pressure among healthy volunteers and grade 1 hypertensive patients.* Phytomedicine Plus. 2025. DOI: 10.1016/j.phyplu.2025.100783.
4. *Antihypertensive Effects of Rosmarinus officinalis L. Infusion.* ClinicalTrials.gov, NCT07386210.
5. Di Vito M et al. *Hydrosols from Rosmarinus officinalis, Salvia officinalis, and Cupressus sempervirens: Phytochemical Analysis and Bioactivity Evaluation.* Plants. 2022;11:349.
6. Satyal P et al. *Enantioselective GC–MS analysis of volatile components from rosemary (Rosmarinus officinalis L.) essential oils and hydrosols.* Bioscience, Biotechnology, and Biochemistry. 2016.
7. Silva-Filho JC et al. *New insights on relaxant effects of (-)-borneol monoterpene in rat aortic rings.* Fundamental & Clinical Pharmacology. 2019.
8. Chen M et al. *1,8-Cineole ameliorates endothelial injury and hypertension induced by L-NAME through regulation of autophagy via PI3K/mTOR signaling pathway.* European Journal of Pharmacology. 2023;954:175863. DOI: 10.1016/j.ejphar.2023.175863.
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